30 Minuten Ferrari fahren.
Zum Vatertag 2009 bekam ich einen Gutschein für 30 Minuten Ferrari fahren von der besten Tochter der Welt geschenkt. Am 15.7.2010 wurde er um 10:30 endlich eingelöst. Pünklichst um 09:00 ist Daniela bei mir und wir fahren mit eisgekühltem Getränk, bequemer Hose, Sportschuhen, Sonnenbrille, Digicam und Fotoapparat zum Treffpunkt Raststation Guntramsdorf. Dort treffe ich nach 30 Jahren einen Schulkameraden aus der Hauptschule, der um 09:00 Ferrari gefahren ist und jetzt auf seinen Schwiegerpapa wartet, weil der gerade fährt. Die Sonne brennt auf unsere bereits schüttere Häupter. Der Schwiegerpapa kommt mit dem 355 GTS Cabrio zurück, mit dem ich dann fahren werde. Jetzt ist 30 Minuten Pause. Also gehen wir zu viert mit den zwei Instruktoren auf einen Eiskaffee, wobei wir bei einem Maybach mit blauer Nummertafel vorbei gehen. Um 10:25 begeben wir uns zum Ferrari, wo ich auch gleich ohne Erklärung und ohne Worte die Schlüssel in die Hand gedrückt bekomme. Zum Glück hat der Instruktor schon vorher den Bolliden aufgesperrt gehabt, denn ich weiß nicht, ob ich das geschafft hätte. Das ist kein normales Auto. Schon beim einsteigen stehe ich vor dem Problem, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, wie die Türe aufgeht. In der formvollendeten Karosserie findet sich kein Anhaltpunkt. Ins Türschloss mit dem Finger vielleicht rein drücken? Geht auch nicht. "Ganz unten in den großen Pfalz rein greifen" schallt es vom Beifahrersitz zu mir. Dieser Pfalz befindet sich ca in meiner Kniehöhe. Na servas, Probleme mit den Bandscheiben sollte man da nicht haben. :-) Als die Türe offen ist, bemerkt man beim einsteigen erst richtig, wie tief der Wagen eigentlich ist. Nämlich 117cm bis zum Dach. Während des hinein turnen´s sage ich zum Instruktor "Mit dem kann man ja bei einem LKW unten durch fahren". Der meint trocken "Tun´s das bitte nicht". Er kommt mir schon die letzten 30 Minuten etwas grantlert vor. Naja, muss ja kein Freund von ihm werden. Vielleicht ist er auch nur schlecht drauf, weil der vorige Fahrer auf der Autobahn von einem LKW überholt wurde und auch sonst sehr hutmässig gefahren sein soll. Ein Opa mit geschätzten 60 halt, der auch einmal was außergewöhnliches fahren wollte. Vom Interieur her kann der 355GTS nicht viel bieten und spricht mich nicht wirklich an. Wo kommt jetzt der Zündschlüssel hinein? Na geh, stinknormal an der Lenkradsäule rechts, wie bei jedem Ottonormaloauto. Eine kurze Umdrehung, nichts passiert. "Auf die Bremse steigen, sonst springt er nicht an". Aha. "Und angurten". A ja, bin ich nicht gewöhnt. :-) Als endlich das Motorengeräusch des V8 ertönt, kommt aber doch zum ersten Mal ein Grinser auf. Wow, wie geil ist das denn. "Los, fahr ma". Aber gerne. Sehr gerne. Kupplung geht sehr streng und kommt sehr spät. Schon im Schritttempo aus der Parklücke kommt die zweite Erkenntnis. Bumm, die Lenkung geht aber sehr direkt. Da ist überhaupt kein Lenkungsspiel zu spüren. Auch nett. Kurz in die zweite schalten und wir stehen schon bei der ersten Stopptafel. "Rechts". Ok Chefe. Raus auf die Südautobahn, wo am Beschleunigungsstreifen mal kurz am rechten Pedal angetippt wird. Nau, geht eh. :-) In nullkommanix ist der dort erlaubte 80er erreicht und wir fahren gleich bei der nächsten Ausfahrt auf die Südostautobahn. Die Kurve hinauf wird pomale in der vierten bei ca 2000 Umdrehungen genommen. Die Lenkung reagiert sofort auf die minimalste Veränderung. Als diese 270 Grad Drehung vorbei ist, kommt eines meiner Lieblingsverkehrszeichen, Ende der Geschwindigkeitsbegrenzung. "Oiso, gemma" höre ich eine Stimme vom Beifahrersitz. Wennst meinst. :-) Ich wills ja nicht gleich übertreiben, deswegen bleibe im Vierer und trete mal voll ins rechte Pedal. Der Sound wird sehr dumpf, und es passiert enttäuschend wenig. Also doch etwas zu untertourig. Schön langsam erfängt sich der Rote aber und ab ca 5000 U/m spürt man, dass da einige fleißige Pferdchen Auslauf haben wollen. Noch während die Kräfte wachsen wollen kommt "Nicht über 140 bitte". Nau OIDA!!! Also rauf in den Fünfer geschalten und auf 140er Cruisemodus unterwegs. Die mir schon bekannte Stimme: "Wir haben 6 Gänge". Ach ja. Zeit mal in den Rückspiegel zu schauen. Wäre vielleicht gut gewesen, den linken vorher einzustellen. Momentan sehe ich nur die zugegebenermaßen geile Seite des Bolliden mitsamt Tankdeckel. Wo ist den der Vorfahrer gesessen? Am Schaltknüppel? Wurscht, ich kann nur mit Verenkungen den nachfolgenden Verkehr beobachten. Der Spiegel geht sicher nicht elektrisch zum verstellen. Ist ja ein Sportwagen. So, nun fahre ich da mit gemütlichen 140 im sechsen Gang in einem Ferrari auf der rechten Spur und werde von Skodas, VW´s, Kleinbussen und dergleichen überholt. Hab ich mich etwa verlesen und bin da bei einem Spritsparwettbewerb gelandet? "Nächste Ausfahrt runter". Ah, endlich wieder schalten. Was übrigens etwas gewöhnungsbedürftig ist. Da wäre mal die ziemlich strenge Kupplung und dann noch der ziemlich kleinen Bereiche am Schaltknüppel, der in die ziemlich kleine Führungen gebracht werden will. Und das geht nur, bei VOLL durchgetretener Kupplung. Für den verweichlichten amerikanischen Automatikfahrer eine Sache, die Konzentration erfordert. Auf der folgenden Landstrasse, keine Ahnung mehr wo wir sind, gibts endlich ein paar Kurven und ich merke, dass mein Beifahrer gefallen an meiner Fahrweise findet. Er fängt plötzlich an freundlicher zu werden und über´s Auto zu reden. Es kommen keine Tipps mehr von ihm, wie ich schalten, wie das Lenkrad halten soll usw. Er sieht, das ich mich mit dem Auto bereits angefreundet habe und scheint Vertrauen in meine Fahrweise zu haben. Recht flöttlich, aber nie riskant, daher sicher. Da kommt der Vordermann in der Ferne und die übersichtige Gerade recht passend. Wann, wenn nicht jetzt, soll ich herausfinden, ob der Mann neben mir fad ist. Nach Blick in den Rückspiegel wird von gemütlichen 110 im Fünften direkt in den Dreier zurückgehagelt und der rechte Fuß massiv beschwert. WWWAAAOOOOOMMMM, bist du deppat!!!!!!! Zeitgleich mit dem Wechsel auf die Gegenfahrbahn setzt bei ca 6000U/m ein gewaltiger Schub ein, der mir kund tut, dass die Rückenlehne nicht weich ist.. Und dazu dieser Sound. Wahnsinn. Schon alleine wegen dieser 5 Sekunden, länger dauerte der Überholvorgang nicht, hat es sich gelohnt nach Guntramsdorf zu fahren. Einfach nur geil geil geil das. "Geht guat, gell?" sagt er mit einem Lächeln als wir wieder auf unserer Spur sind. Passt. "Da vorne stehens gerne". Also wieder normaler Fahrbetrieb, der aber jetzt auch viel mehr Spaß macht, weil ich weiß, das das Ding nicht nur schön ist, sondern auch mächtig Druck erzeugen kann. Es ist nicht viel Verkehr, angenehmes Kurvenfahren mit dieser wunderbaren Lenkung macht auch innerhalb der STVO Spaß. Ein Schläfer wird noch geschnupft. Was etwas nervig ist, ist die Gasannahme. Wenn man nach einem Rollmodus wieder aufs Gas geht, tut sich nichts. Man spürt zwar einen Widerstand, aber er nimmt kein Gas an. Man drückt stärker, auch nichts. Noch etwas stärker, auf einmal geht ein Ruck durch das Fahrzeug und er will anschieben. Scheint, als ob da der Gaszug geschmiert werden wollte. Der Beifahrer meint, das ist normal bei einem Auto, welches an jedem Tag von 15 verschiedenen Fahrern bewegt wird. Glaub ich´s halt, er ist der Profi. Der linke Rückspiegel wurde in der Zwischenzeit von meinem Sozius richtig gestellt. Ja, elektrisch. Über´s Fahrwerk kann ich nicht viel sagen, da ja entsprechend verhalten gefahren wurde. Das es ziemlich hart ist, spürt man sofort. Aber mangels Drifts und scharfen Kurvenanbremsungen fehlen natürlich die Eindrücke. Aber ich nehme jetzt mal ganz positiv an, daß es ebenso bussifeinst sein wird, wie die Bremsanlage und Lenkung. Auffahrt zur Südautobahn. Da hat sich einer vor mir einfädelt. Ich drossle auf ca 30km/h im Zweier und sag rüber "Ich lass da etwas Abstand. Die schleichen alle so auf dem Beschleunigungsstreifen." "Jaja" meint er mit einer gewissen Vorahnung. Die Auffahrtskurve neigt sich dem Ende zu, der Vordermann ist nicht mehr zu sehen, GAAAS. Also DAS kann wirklich was. Die Zweite am Beschleunigungsstreifen auf 8500U/m ausdrehen, ZOOOOOOMMMMMM, da treibt´s dir den Grinser ins Gesicht das es eine Freude ist. Da weiß man, die Zahl 380, welche neben den Buchstaben PS stehen, stimmt. Und 1440kg ist ja nun wirklich nicht besonders schwer. Ich bin mir fast sicher, wenn sich der Beifahrer in diesem Modus was von der Scheibenablage (die es nicht gibt) nehmen wollte, er würde es nicht schaffen, weil er so in den Sitz gepresst wird. Einfach nur hammermäßig leiwand. Als ich mit mittlerweilen knapp über der STVO im dritten Gang auf den vierten Fahrstreifen rüberwechseln will (die ersten drei sind in 0,8 sek erledigt) höre ich "So passt schon, rechts rüber, unsere Ausfahrt ist schon da". Was, das wars schon? Gerade jetzt hat es angefangen, so richtig Spass zu machen. Aber tatsächlich, Ausfahrt Guntramsdorf. Nach dem Aussteigen erkenne ich einen Lächler im Gesicht des reiferen Beifahrers, der sich sichtlich freundlicher von mir verabschiedet als er mich begrüßt hat. Es scheint fast so, als hätte ich ihm noch etwas Hoffnung verschafft, dass doch nicht alle reiferen Käfigtreiber wie Verkehrshindernisse unterwegs sein wollen. So waren es für uns beide erfreuliche 30 Minuten. Was bleibt ist ein unvergessliches Erlebnis, dass nur wer verstehen kann, der schon mal das Gaspedal eines Ferraris voll durchgetreten hat. Danke Daniela!!!!!
Vorher hat mich das ja nie so richtig interessiert. Aber wenn ich jetzt irgendwo lese, Ferrarifahren auf der Rennstrecke, 10 Runden um xxx Euro, dann werde ich mir das schon überlegen. Ohne Aufpasser daneben, ohne Speedlimit, mit Dach, damit der Sound noch besser kommt, ist der Funfaktor sicher noch um einiges höher. :-)